Wer heute über den Ofenpass ins Münstertal fährt, nimmt die Strasse von 1870/72. Davor zogen hier Säumer mit ihren Tieren durch – vorbei an Fuldera, an l’Aqua und an der Abzweigung hinauf nach Lü und über den Pass da Costainas ins Unterengadin. Was ist davon belegt? Wir haben nachgeschaut.
Ein Netz von Pässen
Das Bundesinventar der historischen Verkehrswege (IVS) beschreibt den Ofenpass als Teil eines ganzen Passnetzes zwischen Unterengadin, Vinschgau und Veltlin. Dazu gehört auch der Pass da Costainas als Verbindung Scuol – S-charl – Lü – Müstair (IVS GR 2053, regionale Bedeutung). Lü war an dieser Route wahrscheinlich eine Säumerstation; mit dem Bau der Ofenpassstrasse verlor das Dorf an Bedeutung. Der alte Weg von Punt Lü hinauf nach Lü (IVS GR 2013) wurde 2021–2024 vom Naturpark Biosfera Val Müstair instand gestellt.
Der alte Passweg über den Ofen (IVS GR 65, nationale Bedeutung) führte im Talboden durch den damals sumpfigen Palü dals Lais und durch Fuldera; westlich von Punt Lü sind seine Spuren als Grashangweg noch zu sehen. Der Name Fuldera – 1322 «Faldiera» – kommt übrigens von lateinisch fundaria, Schmelzofen: Am Ofenpass wurde ab 1332 Erz abgebaut und verhüttet. An der Abzweigung des Weges nach Lü wird sogar eine römische Taverne vermutet.
1499: Benedikt Fontana und die Calven
Im Schwabenkrieg lag das Münstertal mitten im Geschehen. Im Januar 1499 überfielen habsburgische Truppen das Kloster Müstair; Ende März zogen königliche Truppen plündernd bis Zernez und ins Münstertal. Benedikt Fontana, Hauptmann auf der Fürstenburg, schrieb aus Müstair, Bergün und Zuoz Brief um Brief und verlangte Truppen, Geld und Kriegsmaterial. Laut IVS wurde der Ofenpass in diesem Krieg «mehrmals von den Kriegsparteien überschritten»; am 11. Mai 1499 siegte bei Champ Sech eine Bündner Wache gegen eine österreichische Erkundungsabteilung. Am 22. Mai folgte die Schlacht an der Calven, in der Fontana fiel. Fuldera wurde im Schwabenkrieg zerstört.
Säumer, Zoll und Ruttner
Die erste konkrete Quelle zur Passstrasse stammt von 1509, zehn Jahre nach der Calven: Zernez musste den Weg bis Buffalora offenhalten und durfte dafür einen Zoll «pro Reittier, Saumtier oder Wagen» erheben. 1539 regelten Zernez und Tschierv die Weggelder, 1562 wurden die Transporte zwischen Sta. Maria und Il Fuorn den Bürgern von Tschierv vorbehalten. Im Winter hielten die «Ruttner» den Pass offen – eine gefährliche Arbeit, an die Gedenktafeln auf den Friedhöfen von Zernez und Tschierv erinnern. Um 1570 zählte der Chronist Campell in Sta. Maria fünf zusammentreffende Wege, darunter jenen «von Schuls durch Scarl» – also über Costainas und Lü.
Und l’Aqua?
L’Aqua liegt gut 400 Meter vom alten Passweg entfernt, nahe der Abzweigung nach Lü. Emil Roussette nennt 1911 in seinem Abriss der Talgeschichte «las duas chasas en l’Aqua», die zwei Häuser in l’Aqua, als Teil von Fuldera. Wie alt die Häuser genau sind und ob hier einst Säumer Rast machten, ist noch offen – eine Untersuchung der ältesten Balken (Dendrochronologie) und die Urkunden im Staatsarchiv Graubünden und im Klosterarchiv Müstair könnten es zeigen. Wir bleiben dran.
Zum Nachlesen
- IVS-Dokumentation GR 65, Zernez – Sta. Maria; Ofenpass (PDF, ASTRA)
- IVS-Dokumentation GR 65.1.5, Tschierv – Sta. Maria (PDF, ASTRA)
- IVS-Dokumentation GR 65.10, Kunststrasse über den Ofenpass (PDF, ASTRA)
- IVS-Karte – Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz
- Historisches Lexikon der Schweiz: Fuldera, Lü, Ofenpass, Benedikt Fontana
- Emil Roussette: La Val Müstair. Curt excurs istoric (1911)
- Gemeinde Val Müstair: Eröffnung des historischen Verkehrsweges Punt Lü – Lüsai (2024)